Unterwegs als Wastepicker

Unterwegs als Wastepicker

Auf der Deponie
Um mein Bild vom Leben der Wastepicker zu ergänzen, wollte ich selbst für eine kurze Zeit in die Rolle eines Wastepickers schlüpfen, um zumindest ansatzweise einen Eindruck von den Belastungen dieser Arbeit zu bekommen.

Eines Tages im April frage ich deshalb einen kambodschanischen Freund mir eine Notiz auf Khmer zu verfassen, die ich den schreibkundigen Müllsammlern zeigen kann und ihnen mein Anliegen erklärt. Auf dem Zettel steht in Khmer etwa soviel wie "Ich möchte einen Tag als Wastepicker arbeiten. Bitte helfen Sie mir!" So mache ich mich also früh morgens mit dem Moped auf den Weg zur Deponie, meinen Zettel in der Tasche und ausgestattet mit langen Hosen, Arbeitsschuhen, Arbeitshandschuhen, Hut und dem traditionellen Kroma als Schal um meinen Kopf. Als ich gegen 7 Uhr auf der Deponie ankomme, haben die meisten Müllsammler schon 2 Stunden Arbeit hinter sich. Ich zeige meinen Zettel herum und stoße entweder auf komplettes Unverständnis, weil die meisten Leute nicht lesen können, oder ich ernte müdes Lächeln. Mir ist klar, dass die Leute mich für verrückt halten. Glücklicherweise hilft mir Veacha, der Lehrer der Deponieschule, meinen Traumberuf zu ergreifen und erklärt mein Anliegen einigen Kindern. Die Kiddies sind gerade auf dem Weg zur Arbeit, und sie erklären sich bereit mich mitzunehmen und mir all das zu zeigen, was ein echter Müllsammler zu beachten hat. Einer der Jungs stellt mir sein Arbeitsgerät zur Verfügung, das aus dem umgebogenen Griff einer Malerrolle besteht. Das metallene Ende des Griffes ist angeschliffen, um den Müll besser durchsuchen zu können und die Wertstoffe aufzunehmen. Ein Plastiksack zum Sammeln der Wertstoffe vervollständigt meine Ausrüstung.

Am Abladeplatz angekommen gibt es natürlich erstmal ein großes Hallo und ich ernte einiges an Aufmerksamkeit... "Barang" (Langnase).... "Hychai" (Müll sammeln).... Mir wird der beste Platz direkt neben den abladenden Müllfahrzeugen zugewiesen und die Leute zeigen mir, welche Abfälle einen Sammel- und Wiederverkaufswert besitzen.
So beginne ich also damit, Plastiktüten aufzureißen und deren Inhalt zu durchsuchen, immer mit dem Bestreben so viele Wertstoffe als möglich meinem Plastiksack hinzufügen. Aus manchen Tüten strömen mir richtig angenehme Düfte entgegen, z.B. von Waschmitteln oder Abfällen aus Friseurläden. Derartige Abfälle sind allerdings die Ausnahme und der Inhalt der meisten Tüten erweist sich als weit weniger angenehm. In Wahrheit bin ich oft dem Erbrechen nahe.
In den Abfällen findet sich alles, was der Mensch nicht mehr braucht und so schnell als möglich loswerden will. Faulende Essensreste zähle ich hierbei zu den eher harmlosen und „normalen“ Inhaltsstoffen.... Doch auf der Deponie landen auch hochinfektiöse Krankenhausabfälle (inklusive gebrauchte Spritzen), tote Tiere, und eine Vielzahl an weiteren toxischen und gefährlichen Stoffen mit denen die Menschen dort ungeschützt in Berührung kommen. Vor allem sehr viele Kinder sind barfuss, ohne Kopfbedeckung und ohne Handschuhe in diesem gefährlichen Umfeld unterwegs. 2002 wurden 2 Kinder sehr schwer verletzt, als eine Granate im Abfall explodierte. Die Bedingungen in denen die Müllsammler arbeiten und leben müssen sind menschenunwürdig.

Unterdessen steigt die Sonne und steht senkrecht über unseren Köpfen. Der Wind hat sich gedreht und drückt den Rauch der brennenden Deponie auf den Platz, wo die Abfälle abgeladen werden. Es ist heiß und dampfig, giftiger Rauch beißt in den Augen und in den Lungen und mischt sich mit den Gerüchen der Abfälle. Meinen schicken Platz direkt am Müllfahrzeug habe ich längst verloren, verdrängt von den Menschen, deren tägliches Überleben in direkter Relation zu der gesammelten Menge an verwertbaren Stoffen steht. Auch errege ich keine Aufmerksamkeit mehr unter den Müllsammlern. Wie alle anderen, versinke auch ich in Lethargie, nicht mehr nachdenkend über die lebensfeindliche Umgebung, nicht mehr nachdenkend über Reichtum und Armut, nicht mehr nachdenkend über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Mein Kopf ist dumpf, ich reiße Mülltüten auf und versuche meinen Plastiksack zu füllen, freue mich über jede neue Alu-Dose, weil Aluminium am meisten Geld einbringt..... meistens jedoch sind meine "Kollegen" schneller als ich und schnappen mir die Sahnestückchen vor der Nase weg, so bleibt mein Sack oft leer.
Als dann einige Kinder, die meinen kümmerlichen Erfolg bemerken, beginnen für mich mitzusammeln und mir gelegentlich eine Flasche oder ein Stück Papier in meinen Sack stecken, bin ich sehr gerührt.

Ununterbrochen ist der Fluss von Müllfahrzeugen aus der Stadt. Immer neu entladen sie ihre stinkende Fracht, es nimmt kein Ende. So, als würde die ganze Welt nur aus Abfall bestehen. Bereits bevor die Fahrzeuge den Abladevorgang starten, klettern einige Müllsammler in halsbrecherischer Weise auf den LKW, um ein Schnäppchen zu ergattern... (Plastikflasche oder Dose gefällig?). Sobald die Entladeklappe sich öffnet durchsuchen die Vordersten die Abfälle, klettern auf den Haufen, immer in der Hoffnung auf die größte Beute. Tatsächlich bezahlen die Müllsammler ihre Kollegen für das Privileg in der ersten Reihe zu stehen.
Auch mittags in der größten Hitze wird keine Pause gemacht. Im Takt der Müllfahrzeuge klettern die Menschen auf die stinkenden Haufen noch ehe die Entladeklappen der Fahrzeuge geschlossen sind. Nach kurzer Zeit kommt der Bulldozer und beginnt den kleinen Haufen auf den großen Haufen zu schieben, unbeeindruckt von den arbeitenden Menschen, unbeeindruckt von den Kindern, die neben und hinter den Ketten suchen, ohne Rücksicht auf Verluste. Der Bulldozer durchmischt hierbei die Abfälle und vor allem die Kinder nutzen die Gelegenheit und laufen hinter dem Bulldozer her, in der Hoffnung weitere Wertstoffe zu finden. Jedes Jahr werden Kinder tödlich verletzt, die dem zurückrollenden Bulldozer nicht mehr ausweichen können. Noch ein Stück mehr Lebensfeindlichkeit, doch das gehört hier zur Routine.

Ich muss Pause machen, Wasser trinken, und setzte mich zu anderen in den Abfall. Kinder gehen an mir vorbei, schleppen Säcke die sie kaum tragen können, Säcke, die schwerer sind als sie selbst. Alltag auf der Deponie. Ich darf mich nicht an diesen Anblick gewöhnen, darf mir nicht einreden, dass dies hier zur Normalität gehört, dass dies keine Besonderheit ist. Niemals darf das, was ich sehe als Normalität bezeichnet werden.
Eine große Kakerlake nistet sich in meinem T-Shirt ein... Mit großem Respekt betrachte ich die Menschen, die sich in all den schwierigen Umständen ihre Würde erhalten haben und mit dem Wenigen, das sie haben, versuchen ihre Kinder zu unterstützen, um ihnen zumindest die Schulausbildung zu ermöglichen. Und ich fühle mich beschämt. Beschämt von dem Familienvater, der mich zu seiner Hütte einlädt und mir auf Französisch erzählt, wie schwer es ihm ist, dass er nur 4 seiner 6 Kinder den Schulbesuch ermöglichen kann und 2 mit ihm und seiner Frau auf der Deponie arbeiten müssen, damit die Familie überleben kann, und mir in aufrichtiger Gastfreundschaft ein Bier mit Eis anbietet, natürlich nur für mich, weil es für ihn nicht mehr reicht...

Um 3 Uhr nachmittags gebe ich auf, ich kann nicht mehr, will nicht mehr, habe genug gesehen nach 7 Stunden harter Arbeit. Ich bringe meine gesammelten Wertstoffe zum Verkauf, einige Kinder helfen mir beim Sortieren. Mit gewissem Stolz schaue ich zu, wie meine Fundsachen gewogen werden und bin dann doch enttäuscht, als ich dafür nur 500 Riel (ca. 13 ct) bekomme. Sieben Stunden Arbeit, 500 Riel, ich habe in dieser Zeit für 2000 Riel Wasser getrunken, und noch nichts gegessen... Als Wastepicker hätte ich wohl nur sehr geringe Chancen. Meine verdienten 500 Riel gebe ich dem Jungen, der mir die Werkzeuge ausgeliehen hat. Nur widerwillig nimmt er das Geld. Aufgewühlt setzte ich mich aufs Moped und fahre nach Phnom Penh und denke an die Kinder, die mir von ihren Wertstoffen gaben, um meinen leeren Plastiksack zu füllen.